Nachlese: Neujahrsempfang der UNO-Flüchtlingshilfe bei IBIS e.V.

„Die Flüchtlingskrise findet woanders statt“

Erfreulich hoch war die Zahl der Besucher_innen, die der Einladung des Leiters der UNO-Flüchtlingshilfe für Norddeutschland, Prof. Dr. Reinhold Friedl, zum traditionellen Neujahrsempfang im Café IBIS und IBIS Halle gefolgt waren. Nach einem Grußwort von Uwe Erbel, Leiter der Interkulturellen Arbeitsstelle IBIS e.V., gab Friedl einen Überblick über die aktuelle Weltflüchtlingssituation.

„In Deutschland“, so Friedl, „sank die Zahl der Asylanträge erneut erheblich um über 20 Prozent. Weltweit jedoch stieg die Zahl der Flüchtlinge um 554.000 auf 68,8 Millionen Menschen.“

Friedl zitiert Dominik Bartsch, UNHCR Repräsentant in Deutschland: „Die Flüchtlingskrise findet woanders statt, etwa in Bangladesch oder Libanon.“ Sieben von acht Flüchtlingen haben nicht etwa in Deutschland, Österreich oder Italien Zuflucht gefunden, sondern in Entwicklungsländern wie Bangladesch, Uganda oder Pakistan.“

Der UNHCR-Bericht  „Desperate Journeys“ zeigt, dass die Überquerung des Mittelmeers noch gefährlicher geworden ist. Bei dem verzweifelten Versuch, Europa zu erreichen, sind in 2018 über 2200 Menschen gestorben oder gelten als vermisst.

Der Ehrengast des diesjährigen Neujahrsempfangs,  Kai Kaltegärtner, Kapitän des Mittelmeer-Rettungsschiffes „Juventa“ der Organisation „Jugend rettet e.V.“, berichtete von seinen Erfahrungen bei Rettungseinsätzen im Mittelmeer. Er hatte international für Schlagzeilen gesorgt, als die „Juventa“ im Mittelmeer so viele Flüchtlinge an Bord genommen hatte, dass sie nahezu manövrierunfähig war. Das Schiff geriet dadurch selbst in Seenot.

Als Kaltegärtner 2016/2017 unterwegs war, nahm er noch viel Zuspruch und Akzeptanz wahr. Maschinist Sören Moje, der aktuell auf der „Seawatch3“  im Mittelmeer unterwegs ist, berichtete dagegen, dass die Stimmung sich deutlich verändert hat  und man zurzeit kaum noch mit Unterstützung rechnen kann. „Deshalb ist es wichtig, sich nicht an die immer wiederkehrenden bedrückenden Nachrichten zu gewöhnen, sondern laut zu werden und sich für die Lebensrettung zu engagieren, indem man z.B. spendet oder demonstriert.“

Musikalisch umrahmt wurde die Veranstaltung  vom 2018 gegründeten „Chor der Vielfalt“, in dem Menschen mit und ohne Migrationshintergrund  gemeinsam singen.

Friedl schloss seinen Überblick mit den Worten: „Leider wird der Wunsch, dass unsere Arbeit überflüssig wird, weil niemand mehr fliehen muss, kurz- und mittelfristig nicht in Erfüllung gehen. Lassen Sie uns in der Zwischenzeit menschlich und anständig mit Flüchtlingen umgehen.“

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